Grüß Gott!

Ein Leib, viele Glieder

Die Stimmung im Wohnzimmer, in dem ich sitze, passt sich dem nasskalten Wetter draußen an. Hier, am Fenster mit Blick auf eine in der kalten Jahreszeit ziemlich trostlosen Straße der Maxvorstadt, kreuzen sich meine beiden Arbeitsbereiche: Meine eine „Diensthälfte“ – als Seelsorger in einem ambulanten Palliativteam, und die andere Hälfte – als Gemeindediakon von St. Markus. Ich sitze bei einem alten Ehepaar. Die Frau ist vom Krebs gezeichnet und auf den letzten Metern ihres Lebens. Im Gespräch mit ihm, sie kann nur noch zuhören, reden wir darüber, wie beide sich die Aufgaben des Lebens aufgeteilt haben, und was sich in den letzten Monaten alles geändert hat.


Er war immer stolz darauf, dass sie die Aufgaben in ihrem Leben so aufgeteilt hatten, wie es für beide am besten war. Manchmal, so sagt er, sei das schon ganz schön unüblich gewesen. Und jetzt hätte er unter dem strengen, aber liebevollen Blick seiner Frau sogar noch kochen gelernt! Die einzige Tochter der beiden, die beim Gespräch auch dabeisitzt, ist ihrerseits heilfroh, dass ihre Kinder zu Hause trotz aller Pubertät mehr als sonst mithelfen, und dass sie sich so die Zeit nehmen kann, immer wieder für ein paar Tage nach München zu ihren Eltern zu fahren.
Wir sinnieren über die Stelle im Korintherbrief, in der es über die vielen Glieder in dem einen Leib geht.


In der Bibelübersetzung „Hoffnung für alle“ habe ich eine schöne Übersetzung gefunden: „Gott gibt jedem seine Gabe – So verschieden die Gaben auch sind, die Gott uns gibt, sie stammen alle von ein und demselben Geist.“ Und: „Jeder wird gebraucht – Nun besteht ein Körper aus vielen einzelnen Gliedern, nicht nur aus einem einzigen. (…) Deshalb hat Gott jedem einzelnen Glied des Körpers seine besondere Aufgabe gegeben.“

 

Einer unserer Gedanken ist, dass es manchmal die ganz kleinen Dinge sind, die der ein oder andere leistet, die für das Gelingen des Ganzen so unglaublich wichtig sind – die man aber manchmal überhaupt nicht wahrnimmt. In diesem Wohnzimmer sind es die spät erlernten Kochkünste des Mannes, durch die er nun seine Frau und sich versorgen kann. Oder die Jugendlichen, die zu Hause so gut mitmachen, dass die Mutter Freiraum für ihre Eltern hat. Um die Betreuung eines schwerstkranken Menschen bis hin zu seinem Tod zu schaffen, braucht es viele Talente. Die einen, wie eine gute Pflege oder die medizinische Versorgung, sind offensichtlich, die anderen, dass einem jemand den Rücken freihält, manchmal versteckt.


Szenenwechsel. Gemeindearbeit in St. Markus. In St. Markus ist immer viel los: Sonder-Gottesdienste, Gastkonzerte, Empfänge und Musik-Veranstaltungen. Veranstaltungen von unserer Gemeinde wechseln sich ab mit Terminen von Dekanat, Landeskirche oder externen Veranstaltern. Auch hier ist Abstimmung nötig. Wer macht was? Teilen wir uns die vielen Aufgaben so, wie es für alle am besten ist? Das ist immer wieder eine große Herausforderung. Wer ist hier das wichtigste Rädchen im Getriebe? Die Planerin, die alles im Blick hat? Der Pfarrer, der begrüßt und St. Markus repräsentiert? Der Hausmeister, der rund um die Kirche sauber gemacht hat, oder der Mesner, der vor
Ort alle Anfragen mit einem Lächeln zu lösen versucht? Oder die Mitarbeiter im Hintergrund, die den Kaffee gekocht, die Stühle aufgestellt oder die Kirche gereinigt haben? Meine Antwort kennen Sie…


Und da waren sie wieder, die vielen Glieder und der eine Leib. Es ist eben doch alles wichtig – oder zumindest wichtiger als nur das Offensichtliche – wenn auch nicht alles zur gleichen Zeit.

 

In diesem Sinne.
Ihr Diakon Harald Braun

 

Ein Leib, viele Glieder

Die Stimmung im Wohnzimmer, in dem ich sitze, passt sich dem nasskalten Wetter draußen an. Hier, am Fenster mit Blick auf eine in der kalten Jahreszeit ziemlich trostlosen Straße der Maxvorstadt, kreuzen sich meine beiden Arbeitsbereiche: Meine eine „Diensthälfte“ – als Seelsorger in einem ambulanten Palliativteam, und die andere Hälfte – als Gemeindediakon von St. Markus. Ich sitze bei einem alten Ehepaar. Die Frau ist vom Krebs gezeichnet und auf den letzten Metern ihres Lebens. Im Gespräch mit ihm, sie kann nur noch zuhören, reden wir darüber, wie beide sich die Aufgaben des Lebens aufgeteilt haben, und was sich in den letzten Monaten alles geändert hat.


Er war immer stolz darauf, dass sie die Aufgaben in ihrem Leben so aufgeteilt hatten, wie es für beide am besten war. Manchmal, so sagt er, sei das schon ganz schön unüblich gewesen. Und jetzt hätte er unter dem strengen, aber liebevollen Blick seiner Frau sogar noch kochen gelernt! Die einzige Tochter der beiden, die beim Gespräch auch dabeisitzt, ist ihrerseits heilfroh, dass ihre Kinder zu Hause trotz aller Pubertät mehr als sonst mithelfen, und dass sie sich so die Zeit nehmen kann, immer wieder für ein paar Tage nach München zu ihren Eltern zu fahren.
Wir sinnieren über die Stelle im Korintherbrief, in der es über die vielen Glieder in dem einen Leib geht.


In der Bibelübersetzung „Hoffnung für alle“ habe ich eine schöne Übersetzung gefunden: „Gott gibt jedem seine Gabe – So verschieden die Gaben auch sind, die Gott uns gibt, sie stammen alle von ein und demselben Geist.“ Und: „Jeder wird gebraucht – Nun besteht ein Körper aus vielen einzelnen Gliedern, nicht nur aus einem einzigen. (…) Deshalb hat Gott jedem einzelnen Glied des Körpers seine besondere Aufgabe gegeben.“

 

Einer unserer Gedanken ist, dass es manchmal die ganz kleinen Dinge sind, die der ein oder andere leistet, die für das Gelingen des Ganzen so unglaublich wichtig sind – die man aber manchmal überhaupt nicht wahrnimmt. In diesem Wohnzimmer sind es die spät erlernten Kochkünste des Mannes, durch die er nun seine Frau und sich versorgen kann. Oder die Jugendlichen, die zu Hause so gut mitmachen, dass die Mutter Freiraum für ihre Eltern hat. Um die Betreuung eines schwerstkranken Menschen bis hin zu seinem Tod zu schaffen, braucht es viele Talente. Die einen, wie eine gute Pflege oder die medizinische Versorgung, sind offensichtlich, die anderen, dass einem jemand den Rücken freihält, manchmal versteckt.


Szenenwechsel. Gemeindearbeit in St. Markus. In St. Markus ist immer viel los: Sonder-Gottesdienste, Gastkonzerte, Empfänge und Musik-Veranstaltungen. Veranstaltungen von unserer Gemeinde wechseln sich ab mit Terminen von Dekanat, Landeskirche oder externen Veranstaltern. Auch hier ist Abstimmung nötig. Wer macht was? Teilen wir uns die vielen Aufgaben so, wie es für alle am besten ist? Das ist immer wieder eine große Herausforderung. Wer ist hier das wichtigste Rädchen im Getriebe? Die Planerin, die alles im Blick hat? Der Pfarrer, der begrüßt und St. Markus repräsentiert? Der Hausmeister, der rund um die Kirche sauber gemacht hat, oder der Mesner, der vor
Ort alle Anfragen mit einem Lächeln zu lösen versucht? Oder die Mitarbeiter im Hintergrund, die den Kaffee gekocht, die Stühle aufgestellt oder die Kirche gereinigt haben? Meine Antwort kennen Sie…


Und da waren sie wieder, die vielen Glieder und der eine Leib. Es ist eben doch alles wichtig – oder zumindest wichtiger als nur das Offensichtliche – wenn auch nicht alles zur gleichen Zeit.

 

In diesem Sinne.
Ihr Diakon Harald Braun